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rund um die Modelleisenbahn

Der letzte Lokführer

Abschied vom Jugendtraum Modellbahn

Ich kann sie nicht mehr sehen, die ungewaschenen alten Männer in ihren zerschlissenen Cordhosen. Ich will Ihren Mundgeruch und ihren ihre schmutzigen Fingernägel nicht mehr um mich haben, mich nervt ihr seniles Geschwätz und ihre schäbige Kunstledertasche auf dem Tisch vor mir. Ich bin auch nicht mehr beliebig belehrbar - seht ein, dass sich die Welt der Modellbahn nicht um Euch dreht. Ich will wirklich nicht wissen, welcher Hersteller welche Baureihe mit falschen Sandrohren versehen hat.

Ich will nicht mehr Modellbahn spielen. Nein, präziser: ich will nicht mehr mit jenen typischen Vertretern des Hobbys zusammen sein, die mit ihm alt geworden sind. Das kleine Häuflein skurriler Fossile, die, auf ihre Rollatoren gestützt, Messen und Ausstellungen bevölkern. Beharrlich auf der Suche nach einem Opfer, dem sie ihre Krankengeschichte, den Plan ihrer neuen Anlage und die Fotos der alten vorlegen können. All das interessiert mich überhaupt nicht mehr. Ehrlich gesagt, es hat mich noch nie interessiert. Als Kunden spielten sie für mich aber eine gewichtige Rolle, tauschen sie beachtliche Teile Ihrer Sozialversorgung gegen Modellbahnen, das Spielzeug des Alters. Sex im Maßstab 1:87.

Ein paar Jahre hatte ich noch gehofft. Hatte verfolgt, wie sich die Alterskurve jedes Jahr um einen Strich in Richtung Vergreisung und Siechtum schob.

Ich war nämlich auch einer derer, die in der Mitte der fünfziger Jahre mit einer Märklin-Anfangspackung auf die Schiene gesetzt wurden.

Fünfzig Jahre später sah ich vom Zenit der Alterspyramide nach vorn ins Altenheim, nach hinten ins Leere. Neben mir blieben ein paar Weggesellen, alle passen gut um einen Tisch herum. Ihnen muss ich nicht beichten, sie werden mich verstehen und sagen:

Wieder einer aus dem Zug gesprungen.

Schluss jetzt, die Modellbahnfahne wird eingerollt. Sie hoch zu halten lohnt sich schon lange nicht mehr, es sieht sie keiner. Feuchte Augen zum Fest, Herzklopfen, wenn der neue Katalog im Briefkasten raschelt. Vergangenheit. Meine Kinder verstehen mich eh nicht. Wie denn auch, sonst wären sie auch Modellbahner und würden der Agonie der Branche genau so fassungslos zusehen wie ich. Sie sitzen lieber vor ihrem Computer, halten das Internet für ihren Lebensraum. Vorbei ist die Freude an exakter Maßstäblichkeit, der Liebe zum Detail und handwerklicher Präzision. Vorbei der unbändige Drang, mit eigenen Händen die kleine Schöpfung zu erleben.

Versöhnliches zum Schluss: Natürlich gibt es sie noch, meine Modellbahn. Sie schlummert in Kartons und wartet mit mir geduldig auf die Pensionierung ... (2017 spätestens!)

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